Vordiplom: surfin’ U.S.A.

Nachwort zum Buch

»It’s impossible to move, to live, to operate at any level without leaving traces, bits, seemingly meaningless fragments of personal information. Fragments that can be retrieved, amplified . . .«, schreibt William Gibson 1986. Er nimmt damit, Jahre vor der Erfindung des World Wide Web, einen Zustand vorweg, mit dem wir uns heute größtenteils achselzuckend abgefunden haben.

Im vorliegenden Buch ist in der Tat ein kleiner Teil solcher Fragmente von persönlichen Daten aufgespürt und gesammelt worden. Die aufgefundenen Spuren sind jedoch keine nebenbei unabsichtlich hinterlassenen, sondern von ihren Urhebern bewußt der Netzöffentlichkeit zugänglich gemachte. Die Dinge, die auf den von ihnen veröffentlichten Fotos abgebildet sind, reichen vom Banalen bis zum Intimen.

Der Fotograf Greg Friedler fragt sich in seinem Buch »Naked New York«, in dem er gewöhnliche Menschen jeweils einmal mit Kleidung und einmal nackt fotografierte, nach der Motivation dieser Leute, sich für ein solches Projekt zur Verfügung zu stellen. Er kommt zu dem Schluß, daß viele von ihnen durch das Erscheinen ihres Abbildes in einem Buch, also in einer auf Bewahrung ausgelegten Form, sich ihrer Existenz vergewissern und diese zugleich »für die Akten« festhalten wollen.

Durch die bekleidete und die nackte Abbildung will Friedler die beiden Seiten eines Menschen darstellen, die öffentliche und die private Seite. Die Nacktheit sieht er als einen Weg, näher an das wahre Aussehen der Person zu gelangen.

Die Menschen auf den hier gesammelten Fotos haben eine andere Art von Nacktheit. Wo man ständig unter Beobachtung steht, man ständig gefilmt und fotografiert wird, läßt man nach einer gewissen Zeit die Maske fallen. Was Friedler in kürzester Zeit durch das Ablegen der Kleidung erreicht hat, bringt die Allgegenwart von Kameras nach längerer Zeit zustande. Das wahre Gesicht scheint sichtbar zu werden, ein Gefühl von Authentizität stellt sich ein.

Viele Menschen wünschen sich, einmal im Leben im Fernsehen aufzutreten. Der einfachste Weg dürfte sein, sich auf die schon erwähnte Authentizität zu berufen und in eine der – langsam schon wieder aus der Mode kommenden – Reality-Shows oder der täglichen Talkshows im Privatfernsehen zu gehen und sich so die eigene Existenz durch die Instanz Fernsehen bestätigen zu lassen. Dabei bleibt die Frage, ob den Leuten bewußt ist, wieviel von sich sie durch einen solchen Auftritt wirklich preisgeben, ob es nicht mehr ist, als sie eigentlich der Öffentlichkeit zeigen wollten.

Benötigt man im Fernsehen noch die Anderen, die vom Regisseur geführte Fernsehkamera für die Bestätigung seiner selbst, kann man im Internet selber für die gewünschte Öffentlichkeit sorgen.

Mit der Zunahme an veröffentlichter Information werden die einzelnen Eindrücke im Internet jedoch immer mehr zum weißen Rauschen, der Unterschied zwischen relevanten und irrelevanten Informationen verschwindet.

Ist den Autoren dieser Fotos wirklich bewußt, daß ihre Bilder weltweit abgerufen werden können und auch werden? Ist diese Frage überhaupt von Bedeutung in einer Zeit, in der jede Schamgrenze bereits gefallen ist? Was bedeutet es für den Betrachter, Urlaubsbilder von völlig fremden Menschen anzuschauen?

Urlaubsfotos werden in erster Linie dazu benutzt, die eigenen Erinnerungen an das Erlebte wachzuhalten. Schon das Präsentieren der Fotos vor Freunden und Verwandten führt bisweilen zum berüchtigten Diaabendschlaf. Wenn nun jemand die Bilder betrachtet, der keinerlei persönliche Beziehung zum Fotografen oder den dargestellten Orten und Personen hat, sind sie ihrer Metaaussagen beraubt und werden dadurch auf ihre formale Ebene reduziert. Durch den fehlenden Bezug zum Dargestellten wird es mir möglich, mich an grafischen Konstellationen, Farben und Momenten zu erfreuen.

Das ist die wahre Subversivität dessen, was das Internet mit Bildern tut: Es erlaubt uns durch die Steigerung der Distanz, durch die massive Anhäufung, aber gleichzeitige Nichtbewertung von Informationen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Die persönliche Anteilnahme wird ausgeschaltet. Zwischen dem Betrachten der abgebildeten Menschen als Wesen mit Geschichte und Gefühlen oder als bloße Abziehbilder ist es nur noch ein kleiner Schritt. Und wenn man doch vom Dargestellten auf das Dahinter schließen möchte, sagen die Bilder vor allem eins: Hier oder Amerika, es gibt keine großen Unterschiede mehr. Die Differenzen in der Internetwelt sind marginal. Das hat etwas Desillusionierendes. Die Zeit der fernen Länder und großen Abenteuer ist vorbei. Die einzige Kunde, die uns aus dem fernen China noch erreicht, sind unverlangt zugesandte Werbemails.

Die Art des Surfens im Internet bildet sich hier in »surfin’ U.S.A.« in der Anordnung und Abfolge der Bilder ab. Ein bißchen hier, ein bißchen Information wird dort aufgenommen; manchmal glaubt man, einen gewissen Zusammenhang zwischen den gezeigten Fragmenten zu erkennen, und dann, wenn man glaubt, kurz davor zu sein, ein Konzept zu erfassen, versinkt alles im Chaos. Das Internet ist das erste von den Menschen geschaffene Ding, das der Mensch nicht versteht. Das Internet ist dazu konzipiert, selbst einen Atomkrieg zu überstehen. Und das hätte uns von Anfang an zu denken geben sollen.

Gibson schrieb zehn Jahre nach dem am Anfang zitierten Text: »The Net is a waste of time, and that’s exactly what’s right about it.«

—Jens Kutilek, Februar 2002

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