Mail from Salford 04

17. 10. 2003

Ze Germans & Pizza & Shopping Hell

Es ist nicht viel Spannendes passiert, alle in der Wohnung waren letzte Woche ein bißchen kränklich, deshalb waren die Abende eher ruhig. Der Unialltag kehrt bei den meisten so langsam ein und das ständige Partymachen hört so langsam auf.

Mein Internetzugang auf dem Zimmer ist gleich drei Tage, nachdem ich ihn am Laufen hatte, wieder ausgefallen. Der erste Anruf beim Support scheiterte am mangelnden Sprachverständnis meinerseits. Der zweite Anruf zeitigte nur besetzte Leitungen, so daß ich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen konnte, woraufhin aber wieder nichts geschah. Erst eine E-Mail (!) wegen des nicht funktionierenden Internetzugangs wurde innerhalb von zehn Minuten beantwortet, aber behoben wurde das Problem immer noch nicht. Jetzt kann ich mit einem Trick jeweils nur acht Minuten online gehen, was immerhin zum Mailabholen reicht.

Ze Germans are comming

Hier ein halbseitiger Zeitungsartikel aus dem Daily Mirror, den meine Mitbewohner so aufmerksam waren an die Pinnwand in der Küche zu heften (ohne Fotos ist es vielleicht nicht gleich einsichtig: »Adolf« heißt der Hund des Herrn, um den es in dem Artikel geht):

HEEL HITLER

Dog taught Nazi salute

This is the mongrel whose master is in the doghouse for getting him to do Heil Hitler salutes with a paw.

Roland Thein taught Adolf to perform the Nazi gesture on command to scare foreigners.

Right-wing Thein faces jail when he appears in court for yelling Heil Hitler at Turkish children in Berlin and telling them: “Go home mongrels.”

He then allegedly told Adolf to “Seig Heil” and the mutt dutifully raised a paw in salute.

Glorifying Hitler is banned. But Thein, 54, said: “I’m from Bavaria and a proud German.”

He was first arrested for making Adolf salute black women near a Berlin store. The dog later Seig Heiled at Jewish visitors.

Thein, prosecuted for his Nazi demonstrations, has been spared further charges over the dog. A policeman said: “One can’t help feeling sorry for Adolf.”

Als Deutscher muß man sich ja hier eh einiges anhören …

Weil alle Mitbewohner etwas erkältet waren, sind wir in der letzten Woche meistens zu Hause geblieben und haben abends ein paar Videos geschaut, unter anderem »Snatch«, in dem als Running Gag ein Spruch mit »Ze Germans are coming« vorkommt. Hat jedenfalls für viel Gelächter gesorgt. Noch mehr, als ich ihnen erzählt habe, daß der Spruch in deutschen Synchro nicht vorkommt.

Dann haben wir ein Computerspiel gespielt, das im 2. Weltkrieg spielt. Als ich dort gewonnen habe, sagte Dave »Die Deutschen haben gewonnen – zur Abwechslung mal«, was auch für ein großes Jubelkonzert sorgte.

Der Spieß umgedreht wurde dann aber am Mittwochabend, da habe ich nämlich Romain und Erwan besucht, die ja auch hier im Castle Irwell wohnen. In ihrer Wohnung wohnen noch zwei weitere Franzosen und ein Deutscher, so daß der eine Engländer in der Küche klar in der Unterzahl war.

Wir tranken ein paar Flaschen Wein (mit Plastikkorken bzw. Schraubverschluß – »Selected by Tesco« ist wohl nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal), und schließlich behaupteten wir, der Engländer Scott, der »Chef«, habe gesagt, die drei größten Künstler seien Picasso, David Beckham und Dali. Das dementierte er zwar, aber er vertrat die Meinung, David Beckham sei der berühmteste Fußballer der Gegenwart. Die Franzosen verwickelten ihn daraufhin in eine Diskussion über Fußball, obwohl wir alle überhaupt keine Ahnung von Fußball haben (»But ve ’ave Zidane! ’e is biig in all of Afrique!«). Und der Bruder von Erwan ist angeblich Weltmeister in einer Sportart, von der noch niemand etwas gehört hat. Irgendwas wie Triathlon, aber mit drei anderen Sachen. Und irgendwie bewegt man sich dabei durch den Wald.

Am Ende war Scott der Verzweiflung nah und wollte versuchen, aus dem Fenster im 2. Stock zu steigen, um kletternderweise das Nachbarhaus zu erreichen, was wir aber insofern abschwächen konnten, als daß er dann nur versuchte, die Küche zu umrunden, ohne den Boden zu berühren.

Zu Hause hatte ich an dem Abend auch einiges verpaßt, denn meine Mitbewohner hatten wohl mit einigen Mädchen eine Art von Strip-Poker gespielt. Einige Fotos zeugen davon, mal sehen, ob ich Kopien davon zum Zeigen bekomme. Jedenfalls lagen in der Küche überall Socken und Turnschuhe herum, ein Damenslip war ins Küchenfenster geklemmt, die Herren liefen überwiegend mit bloßem Oberkörper herum, und Mike hat seit gestern eine Freundin (das wird hier alles per SMS klargemacht, er hat heute über 8 Pfund verSMSt).

Pizza Pepperoni

Gut, daß ich meinen Mitbewohnern erzählt habe, daß ich Vegetarier bin: Als wir Pizza holen wollten, klärten sie mich noch im letzten Moment darüber auf, daß »Pizza Pepperoni« keineswegs vegetarisch ist, denn Pepperoni ist eine Art Wurst. Noch mal Glück gehabt.

Es gibt auch noch ein paar neue Fotos:

Salford, zweite Serie

Die Franzosen hielten mich für leichtsinnig, dort alleine mit meiner Kamera herumzulaufen … als ich am lokalen Schnapsladen »City Liquors Booze & Food« vorbeilief und jemand hinter mir »Excuse meee!« herbrüllte, dachte ich mir auch nur, »überhaupt nicht reagieren«. Ich weiß ja nicht, was man hier üblicherweise mit Leuten macht, die Gullydeckel und Straßenschilder (für meinen Videokurs) fotografieren. Die Fotos sind alle auf dem Weg zur Uni entstanden.

Dann gibt es noch ein Foto von einem Eichhörnchen und eins von mir bei der Arbeit, die Fotos zu finden, bleibt jedem selbst überlassen. Und die Fotos meiner Mitbewohner waren glaube ich beim letzten Mal auch noch nicht auf der Seite.

Shopping Hell

Gestern bin an der Aufgabe gescheitert, ein Duschgel im Supermarkt zu kaufen. Kann ja sein, daß ich blind bin, aber ich glaube wirklich, das gab es dort einfach nicht. Schaumbäder, Haarwaschmittel, Pflegespülung, Kindershampoo, ja, alles da, aber kein einfaches Duschgel. Es ist zum Verzweifeln. Wenn meine Mitbewohner ab morgen nicht mehr mit mir sprechen, liegt es daran, daß ich so stinke, weil ich mich nicht mehr waschen kann.

Meine Deli-Reform-Margarine neigt sich auch schon dem Ende zu. Ich darf gar nicht daran denken, welche Odyssee ich auf mich nehmen werde müssen, um aus den diversen »Utterly Butterly«- und »I Can't Believe It’s No Fuckin’ Butter«-Fettimitaten ein Annehmbares auszusuchen.

Ich habe auf dem Crescent in Salford einen Aldi-Lastwagen gesehen. Vielleicht gibt es ja hier tatsächlich irgendwo einen Aldi-Laden. Das wäre fast zuviel des Guten!

Zum Frühstück habe ich mir etwas ganz Exquisites gegönnt (das erste Glas Lemon&Lime-Marmelade ist tatsächlich schon leer): Fine Cut Orange Marmalade With Whisky. »A drop of smooth whisky adds a little kick to this breakfast classic«. Damit der Morgen gleich gut anfängt.

Dann habe ich noch die Produktreihe der »Pot Noodles« entdeckt. Ein Klumpen Nudeln in einem Plastikbecher, den man mit heißem Wasser übergießt, dann zwei Minuten wartet, und schon hat man zumindest etwas Warmes für den Bauch. Und das gute daran ist, man kann alle Sorten nehmen, »Mushroom and Chicken«, »Beef and Tomato«, »Bombay Bad Boy« (tatsächlich recht scharf), ist alles mit dem »Suitable for Vegetarians«-Symbol gekennzeichnet. Es lebe hoch die Lebensmittelchemie.

A propos »Suitable for Vegetarians«: Auch auf Weinflaschen findet man das Symbol. Wußte gar nicht, daß es auch nichtvegetarischen Wein gibt. Aber so langsam wundert mich hier gar nichts mehr.

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