Mail from Salford 03

8. 10. 2003

Englisch & Studium

Hi,

I’m certainly glad you could join me today. It’s a fantastic day for a happy little electronic painting. Let me show you what I’ve done already, and while we’re doing that let’s have them run all the addresses across the screen that you need to paint along with me.

... <http://www.kutilek.de/foto/salford/> ... ... ...

Ja, da sind sie, die ersten Fotos. Eine ziemliche Leistung, wenn man bedenkt, auf welchen verschlungenen Wegen meine ersten Mails das Internet erreichten (Hinweis für die Cognoscenti unter Euch: SMTP-over-USB_Stick-over-Rucksack-over-Public_Transportation).

Seit einer Stunde habe ich immerhin Modem-Internetzugang in meinem Zimmer für 1p pro Minute, so daß ich meine Mails jetzt wieder direkt auf dem iBook empfangen kann. Leider hat sich meine Telefonnummer dadurch geändert, aber das Telefon geht jetzt immerhin auch wieder.

Die Englische Sprache

Nach ein paar Wochen sind die Engländer zwar immer noch kaum zu verstehen, aber man merkt immerhin, das manche, je nach Herkunftsregion, noch schwerer zu verstehen sind als andere. Hinzu kommt, daß es manchmal unmöglich ist, zu erraten, was sie von einem wollen. Ein kurzer Test:

  1. Samstagabend, Manchester, Brannigan’s Nightclub. Ich und mein Mitbewohner Mike kommen von der Theke, jeder ein Bier in der Hand, und betrachten das Treiben auf der Tanzfläche. Zwei ca. 30jährige Frauen kommen auf uns zu, schauen uns an, dann sagt die eine zu mir:
    1. »Willst Du tanzen?«
    2. »Seid ihr ein schwules Paar?«
    3. »Ist das dein kleiner Bruder?«
    Ach ja, mein Mitbewohner Daron meinte dazu: »They wanted you. It doesn’t count when it’s not in the country.« ;-)
  2. Nachmittags, Salford Shopping Centre, Kasse bei Woolworth’s. Ein Sicherheitsbeamter kommt auf mich zu und mustert mich. Er sagt:
    1. »Bist du Manchester-United-Fan?«
    2. »Darf ich mal deinen Rucksack kontrollieren?«
    3. »Du solltest durch diese Gegend nicht zu Fuß laufen.«
    Also, immer mit »Ja« antworten und lächeln ist auch nicht die beste Lösung.

Falls die Engländer mal versuchen, Deutsch zu sprechen, ist das auch immer sehr amüsant. Der Ire Jon-Jon kann sagen »Ich bin ein Einzelkind«, und Mike weiß immerhin »Atschtung Spitfire Nein Nein«.

Das Studium

Heute bin ich eine Stunde gelaufen (hin und zurück jeweils eine halbe), um zur Übung für den Kurs »Electronic Media« zu kommen (mittags fährt der Uni-Shuttle nicht). Leider erschöpfte sich der Kurs darin, daß wir in einen Raum voller nagelneuer eMacs geführt wurden (immerhin was ;-) und uns gesagt wurde, daß hier OS X laufe, und in anderen Computerräumen nicht, und deshalb sollte man sich entscheiden, wo man arbeitet. Und wer wolle, könne nun noch ein bißchen an den Geräten rumspielen. Nur wie, ohne Internetzugang (die Netzwerkkabel kommen »real soon now«) und die Kisten so restriktiv konfiguriert, daß man nur Safari, Illustrator, Photoshop und Premiere starten kann. Immerhin ist der Kurs»leiter« ein aufrichtiger Mac-Evangelist ;-) Und er wußte sogar, daß mein Nachname aus Tschechien kommt.

Die anderen Kurse lassen sich auch noch nicht so interessant an. Ich bin hier in Level 2 von 3, also in deutscher Entsprechung ca. Semester 4 von 10. In meinem Semester sind noch zwei Franzosen, die auch mit ERASMUS hier sind, Romain Chassaing und Erwan Chouzenoux, und, wer hätte es gedacht, die Engländer haben mit diesen Namen noch mehr Probleme als mit meinem. Dafür können die Franzosen »Jens« auch nicht aussprechen.

Im Kurs »World Market Graphics« sollen wir eine Corporate Identity für einen fiktiven Store in New York der Magazine i-D und Arena entwerfen. In diesem Zentrum sollen britische Mode, Design, Kunst usw. präsentiert werden. Der Dozent Mark Scargill bot an, ich könnte das ganze ja für deutsche Mode usw. machen, was ich dankend ablehnte.

Und wer weiß, wie sehr ich mich normalerweise für Mode interessiere, weiß auch, was ich von dieser Aufgabe halte … freiwillig hätte ich mir das i-D-Magazin jedenfalls nie gekauft. Über die Hälfte ist Werbung, und der Rest besteht aus Fotos von Schönen Menschen™ mit Bildunterschriften wie »Ksenia wears coat by Gucci; top by Rick Owens; vogelnestaufmkopp by James Coviello; silver tie by Michelle Deborah; earring, model’s own; and no underwear.«

Gestern durften wir aus kopierten Buchstaben versuchen, ein gemeinsames Logo für i-D und Arena zusammenzuschnippeln – Köhler und Paul lassen grüßen.

Die Präsentationen der A2-Moodboards scheitern bei mir im Moment noch daran, daß es nach Berichten in ganz Manchester nur einen einzigen Papierladen gibt.

Der andere Kurs, »Electronic Media« läßt sich vielversprechender an, dort soll am Ende ein zweiminütiges Video entstehen. Als Grundlage dient einer von zwei vorgegebenen Texten, also hat man hierbei tatsächlich eine gewisse Freiheit bei der Bearbeitung.

Alternativ zu diesem Fach hätte man »Information Technology« wählen können, wo es angeblich um Webdesign geht, aber praktisch wohl nur die Benutzung von Dreamweaver und Flash gezeigt wird. Diese Programme lehne ich ja sowieso ab …

Das dritte Fach schließlich ist »Uses of Photography«, ein Theoriefach, wo man eine †Powerpoint†-Präsentation über zwei Fotos halten muß und eine 2000wörtige Hausarbeit schreiben muß. Ein Museumsbesuch steht auch auf dem Programm.

Diese Kurse laufen nicht über das ganze Semester, so daß später noch andere Aufgaben kommen werden. Viele Wahlmöglichkeiten hat man hierbei nicht. Ich glaube, wenn ich komplett in England studieren würde, hätte ich Freie Kunst studiert.

Alltag

Vorgestern mußte ich zum ersten Mal in den Waschsalon, man kann also sagen, daß der Alltag langsam einkehrt. Der Wäschetrockner taugte natürlich nichts, deshalb war mein ganzes Zimmer abends mit Wäsche zum Trocknen belegt. Mein Mitbewohner Tim erzählte, er habe ein Mädchen im Waschsalon gesehen, deren gesamte Unterwäsche sich im Trockner in einen Plastikball verwandelt habe. Mike wollte gleich ihre Telefonnummer von ihm haben ;-)

Wenn man nach Manchester geht, sollte man nicht zuviel Geld in der Tasche haben. Bei einem Besuch im HMV (Musik- und Videoladen) hätte ich sonst schon mindestens 5 CDs und 8 DVDs kaufen müssen. Man kann hier tatsächlich in einen Laden gehen und Alben der Magnetic Fields im Regal finden (da besteht allerdings keine Verarmungsgefahr, denn die habe ich ja schon alle). Don’t try this at home. Viele Filme gibts hier in jedem Laden, die es in Deutschland schwer, gar nicht, nur geschnitten oder komplett verboten gibt: Die Evil-Dead-Trilogie, The Texas Chainsaw Massacre 1+2 (wußte auch nicht, daß es davon ne Fortsetzung gibt). Nur »Ilsa, She-Wolf of the SS« habe ich noch nicht hier gesehen … Von Evil Dead gibt es sogar eine Edition im Necronomicon-Look, mit künstlichem Menschenleder bezogen. Ob man da auch die passenden Worte sprechen muß, wenn man es aus dem Regal nimmt?

So, genug der Insider-Andeutungen,

Well, the old clock on the wall tells me it’s time once more, so from all of us here –

Happy painting and God bless!

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