Mail from Salford 02

4. 10. 2003

Ankunft & Unterkunft

Der Flug war unspektakulär, ich lenkte mich mit der Lektüre der BA-eigenen Zeitschriften und dem Verzehr eines Bechers Tee und eines Käse-Croissants von der Frage, auf was ich mich mit dem ganzen nur eingelassen hatte, ab.

Die Ankunft war perfekt organisiert: Eine gewisse Emily sammelte direkt alle ausländischen Studenten am südlich außerhalb gelegenen Manchester Airport ein und führte sie zu den von der Uni gestellten Taxis, die dann alle Ankömmlinge zum Accommodation Office am Salford Crescent und von dort weiter zu den jeweiligen Unterkünften chauffierten. Das hätte es in Deutschland auch nicht gegeben!

Meine Wohnanlage nennt sich Castle Irwell (frage mich, wo hier die Burg ist – Irwell ist jedenfalls der Abwasserkanal, ähm, Fluß, der das Gelände und den Campus umrundet) und liegt nördlich der Cromwell Road. Außenherum ist eine hohe Mauer/ein hoher Zaun, wie um eigentlich alles hier in der Stadt. Innen sind eine Art Reihenhäuser, ca. 120 Wohnungen insgesamt, mit einem großen Rasenplatz in der Mitte und einer von der Students’ Union betriebenen Bar/Kneipe am Rand. Natürlich regnete es ununterbrochen, so daß alles noch weniger einladend aussah. Ich stand eine halbe Stunde in der Schlange vor dem Rezeptionsgebäude, wo ich dann meine Schlüssel und Chipkarte (für das Tor) bekam.

Mein Zimmer ist winzig, es enthält einen Schreibtisch, Stuhl, Papierkorb, Wandregal, Bett, Schrank, Waschecke. Mehr paßt auch nicht hinein.

Es gibt zwei Klos und zwei Duschen im Erdgeschoß sowie eine Küche und einen Aufenthaltsraum im zweiten Stock. Das Waschbecken im Zimmer ist total unpraktisch konstruiert, was hätte man auch anderes erwartet. Es gibt einen Hahn mit heißen, einen mit eiskaltem Wasser, so daß man sich praktisch nicht waschen kann. Den Kopf bekommt man zum Haarewaschen eh nicht unter die Hähne. Dafür ist das Becken unten eckig, so daß immer Wasser darin steht und sich ein ekliger Belag bildet. Das Wasser riecht abwechselnd faulig oder nach Chlor. Nagut, ich hör schon auf.

Meine Mitbewohner sind Dan, Mike, Dave, Steve, Darren, Kev, Tim, Daron, Danny, Adam und ein Vietnamese, den ich nach anderthalb Wochen zum ersten Mal gesehen habe. Sie sind alle zwischen achtzehn und Anfang zwanzig, wie es hier in England üblich ist bei Studienbeginn. Und so verhalten sie sich denn auch. Sie wissen noch nicht, daß man Deospray auch dosiert einsetzen kann, sie hören laute »Musik«, sie kommen nachts um drei lärmend und besoffen nach Hause, sie geben siebenhundert Pfund in den ersten zwei Wochen aus, usw. You get the picture.

Aber eigentlich sind sie ganz nett.

Umweltschutz ist in England ja praktisch unbekannt. Rund um die Uhr brennt das Licht in den Gemeinschaftsräumen, die Heizkörper laufen auf volle Pulle (man kann sie nicht abdrehen), deshalb wird immer gelüftet. Pfandflaschen und Recycling gibts eh nicht, alles wird in große Säcke gestopft und vor die Eingangstür gelegt.

Der Hauptcampus ist zu Fuß fünfzehn Minuten entfernt, die »School of Art and Design« allerdings fünfundzwanzig Minuten. Zur »Salford Shopping City« läuft man fünfzehn Minuten, in die Innenstadt von Manchester vierzig Minuten. Wenn man nicht zu Fuß durch die dem Vernehmen nach sehr gefährliche Gegend um Castle Irwell laufen will, kann man den Bus (sechzig Pence) oder ein Taxi (ziemlich teuer) nehmen.

Die Gegend um Castle Irwell besteht aus heruntergekommenen Fabrik- und Industriegeländen, verfallenen Reihenhäusern und Schuttflächen, wo Häuser und Fabriken abgerissen wurden. Alles ist ziemlich dreckig. River Irwell sieht eher aus wie ein Kanal, stinkend, mit allerhand darin herumschwimmendem Unrat. Trotzdem wird dort geangelt.

All das werde ich auch noch fotografisch festhalten, sobald ich mich traue, meine Kamera in der Öffentlichkeit auszupacken …

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