2 Die Filmmusik in »Außer Atem«

»One of my oldest dreams has finally come true: I had always envied the pianists improvising a soundtrack in front of a silent movie. Providing the audience with an immediate and constantly renewed musical translation of what goes on on screen appeared to me as a source of deep musical happiness.«

Jazzpianist Martial Solal zu seinem Album »Silent Cinema«

2.1 Klassische Funktionen von Filmmusik

Steffen Lepa

Um zur Analyse der von dem Jazzkomponisten Martial Solal (geb. 1927 in Algiers) im Auftrage Godards geschaffenen Filmmusik zu kommen, lohnt es, zunächst einmal einen Blick auf die klassischen Funktionen der Musikdramaturgie im Film zu werfen.

Nach Hans-Jörg Pauli (1993) lassen sich zunächst drei grundlegende Funktionen von Filmmusik unterscheiden:

Zunächst einmal betrachten wir ihre persuasive Funktion. Film hatte schon immer den Anspruch, den Rezipienten in eine andere Wirklichkeit zu entführen, ein besonderes Ereignis abseits vom Alltagsgeschehen zu sein. Demzufolge dienen große Teile der Musikdramaturgie, besonders Titel-, spannungssteigernde und Abspannmusik dazu, den Zuschauer entrückt, verzaubert, ja im negativen Sinne sogar mittels Abbau rationaler Widerstände narkotisiert zu halten. In diesem Sinne versucht Filmmusik Atmosphäre herzustellen, physiologisch Stimmungen zu konditionieren und subjektiv Tempo und Spannung zu erzeugen.

Eine weitere klassische Funktion ist die syntaktische. Sie diente vor allem in der Frühzeit des Kinos dazu, dem Zuschauer den Handlungsverlauf zu verdeutlichen, formal durch z. B. Zwischenaktmusik zu gliedern, Schnitte zu verdeutlichen beziehungsweise kaschieren, Ausrufezeichen zu setzen, Stimmungen der Agierenden zu illustrieren und Charakter- beziehungsweise Storywendepunkte herauszustellen.

Als letzte Funktion sei schließlich die hermeneutische genannt, die im modernen Kino immer wichtiger zu werden scheint. Hierbei geht es darum, im Zuschauer möglichst stark durch Erzeugen kinästhetischer Vorstellungswelten »Realität« zu produzieren und ihn als eigentlich passiven Rezipienten gefühlsmäßig ins Schicksal der Akteure einzubinden.

Alle drei Funktionen werden meist simultan, aber in verschiedenen Gewichtungen verwandt, viel wichtiger für das Verständnis der Überlegungen eines Filmkomponisten und/oder Tonmeisters in Zusammenarbeit mit dem Regisseur scheint jedoch die grundlegende Strategie des Musikeinsatzes zu sein. Dabei tritt besonders die Frage in den Vordergrund, ob die Musik eher als handlungsintegriertes Konzept, also mit Handlung und Bildinhalt verwoben benutzt wird (am intensivsten sicherlich beim Dokumentarfilm-Stil oder auf funktioneller Ebene gesehen beim Mickymousing), oder ob sich dafür entschieden wird, die Tonebene als zusätzliches, unabhängiges, kommentierendes Element in den Film einzuführen um z. B. einen Kommentar oder einen sarkastischen bzw. ironischen Unterton zu setzen. Schließlich könnte Musik dann auch schon eine drohende Gefahr im Sinne der Hitchcock’schen Suspense vorwegnehmen, ohne daß dies aus der Handlung ersichtlich wird.

Beide Strategien haben ihre Vor- und Nachteile: Erstere betont vor allem den hermeneutischen und persuasiven Effekt und schafft eine überzeugendere Filmwirklichkeit und stärkere Einbeziehung des Betrachters, neigt aber dazu, der Botschaft und jeglichen übergeordneten Bezügen zu entsagen und den Film, bei übertrieben paraphrasierender Anwendung der Musik, zu banalisieren. Letztere hingegen kann einen Film mehrdimensionaler gestalten, aber auch schnell den Eindruck eines »pädagogischen Zeigefingers« des Regisseurs erzeugen, oder den Rezipienten auf Grund von Mehrdeutigkeit verwirren.

2.2 Die Filmmusik in »Außer Atem«

Sabina Ihrig

In diesem Teil unserer Arbeit über »Geräusch- und Musikdramaturgie in der Nouvelle Vague« werde ich mich mit der Verwendung der Musik auseinandersetzen. Besondere Konzentration werde ich auf die beiden auftretenden Leitmotive von Michel und Patricia legen und die darüber hinaus verwendete Musik nur kurz behandeln.

Möchte man den Film Außer Atem auf seine Musik und insbesondere auf seine Leitmotive hin untersuchen, stellen sich folgende Fragen:

Ich werden in meiner folgenden Analyse versuchen, diese drei Fragen zu beantworten und werde besonderes Augenmerk auf die dritte Frage lenken. Dies resultiert aus meiner Annahme, daß der Ton des Films Außer Atem nicht nur als separate Einheit betrachtet werden kann, sondern eng mit der Ebene des Bildes verwoben ist. Somit ergänzt und erklärt er die auf der Bildebene zu sehenden Ereignisse. In diesem Zusammenhang gehe ich davon aus, daß besonders der bewußte Einsatz der Leitmotive die subjektive Sichtweise Michels auf das Geschehene unterstützen soll. Ich werde diese erste Einschätzung im Laufe meiner folgenden Analyse ausarbeiten und bestätigen.

Zu Beginn meiner Arbeit werde ich die Leitmotive auf ihren Bezug zu Michel und Patricia hin untersuchen. Welche Assoziationen treten beim Rezipieren der Leitmotive auf? Als zweites möchte ich mit Hilfe unserer Sequenzgrafik und unserer Tongrafik eine quantitative Auswertung der beiden Leitmotive vornehmen. Daraufhin werde ich einzelne Funktionen der Leitmotive in verschiedenen Subsequenzen beschreiben und analysieren. Als vierten Schritt möchte ich die übergeordnete Aufgabe der beiden Leitmotive benennen und an einigen Beispielen verdeutlichen. Des weiteren werde ich dann eine Feinanalyse einer Subsequenz vornehmen, die mir als geeignet erscheint, unter dem Aspekt der übergeordneten Aufgabe der Leitmotive analysiert zu werden.

Beschreibung und Assoziationen der Leitmotive

In dem Film Außer Atem treten zwei Themen in der Musik auf, die sich dem Betrachter besonders einprägen, da sich ihre Wiederholungen und Variationen durch den gesamten Film ziehen. Das im Film als erstes immer wiederkehrendes Thema auffallende Stück ist ein dissonantes Motiv, das über einen Dur-Sept-Akkord gespielt wird. Durch diese Dissonanz erhält das Motiv seinen jazzigen Charakter und wirkt unbestimmt, draufgängerisch und zwielichtig. (S00)

Das gerade kurz beschriebene Thema ordne ich dem männlichen Protagonisten – Michel Poiccard – zu. Diese Zuordnung resultiert aus der Beobachtung, daß dieses Motiv meist zu hören ist, wenn zur gleichen Zeit auf der Bildebene Michel Poiccard dargestellt ist. Ich werde dieses Motive nun im Laufe meiner Arbeit als »Leitmotiv von Michel« bezeichnen.

Das zweite immer wiederkehrende Thema besteht aus einem Motiv, das zweimal hintereinander über einen Moll-Akkord gelegt ist und daraufhin leicht abgewandelt nach Dur sequenziert wird. Durch diese Auflösung des ersten Motivs wirkt das meist Chanson-ähnliche Stück zu Beginn zwar betrübt, doch erfährt es dann einen Wandel hin zu einem romantisch und verspielt wirkenden Stück, das einen Hoffnungsschimmer beinhaltet. (S40) Dieses Thema bringe ich in Zusammenhang mit der weiblichen Protagonistin, Patricia Franchini. Auch dieser Zusammenhang ist ein Resultat aus der Beobachtung, das dieses Motiv auf der Tonebene meist parallel zu Patricias Erscheinen auf der Bildebene zu hören ist. Dieses Motiv werde ich im Verlauf meiner Arbeit nun »Leitmotiv Patricias« benennen.

Meines Erachtens hat Godard (bzw. Martial Solal) diese beiden Leitmotive nicht willkürlich ausgewählt und zugeordnet. Es gibt gewisse Parallelen zwischen den Charakteren der Protagonisten und den Charakteren der ihnen zugeordneten Leitmotive. So ruft Michels Leitmotiv Gefühle und Assoziationen hervor, die auch auf seine Person übertragbar sind. Nach mehrfachen Betrachtung des Films Außer Atem verbinde ich Michels Leitmotiv mit dem Bild eines zwielichtigen Milieus. Sein Leitmotiv spiegelt meiner Meinung nach seine Abgebrühtheit, seine Kriminalitätsbereitschaft und seine Risikofreudigkeit wider.

Patricias Leitmotiv wirkt auf mich hingegen verträumt und naiv. Doch drückt ihr Leitmotiv bereits durch seinen formellen Aufbau auch ihre Zerrissenheit und Ungewißheit aus und bringt ihre Sprunghaftigkeit zum Ausdruck.

Um diese Tatsache genauer zu untersuchen, führte ich einen »Assoziationstest« bei mehreren Probanden durch, die den Film Außer Atem noch nie gesehen hatten – um eine möglichst realitätsnahe Situation herzustellen. Ich spielte ihnen die Leitmotive Michels und Patricias vor und bat sie ihre Gefühle und Assoziationen, die ihnen spontan, ohne längeren Reflektionsprozeß, durch den Kopf gingen, aufzuschreiben. Mit dieser Vorgehensweise erhoffte ich ein Ergebnis, das meine Aussage der vorhandenen Parallelität zwischen den Leitmotiven und den Charakteren der Protagonisten unterstützt.

Ich befragte weibliche wie männliche Personen in verschiedenen Altersgruppen. Die Antworten ähnelten sich – unabhängig von Geschlecht und Alter – sehr. So waren die Assoziationen beim Hören von Michels Leitmotiv unter anderem:

Ein Tanzlokal, ein schmutziges Lokal, Zigarrenrauch, Spannung, Al Capone, jemand geht – ist auf der Suche, Flucht – kurzes Innehalten – Flucht, Tanzmusik, düster, tragend, Schritte, ein Detektiv – der auf der Suche nach einem Verbrecher Menschen befragt, Höhepunkt – Jetzt passiert etwas!, Achtung jetzt …, männliche Musik.

Besonderes hervorheben möchte ich die Assoziation zum Detektiv. Ich spielte »meinen« Probanden Michels Leitmotiv in verschiedenen Variationen und aus verschiedenen Phasen des Films vor. Als nun die Person Michels Leitmotiv mit einem Detektiv auf der Suche nach dem Verbrecher assoziierte, konnte ich auf dem Bildschirm, im Gegensatz zu meiner Testperson, die Szene verfolgen, in welcher der Inspektor gerade in der Agentur »Inter-Americana« nach Michel fandet. »Meine« Testperson hatte also nur auf Grund der Musik genau die auf der Bildebene zu sehende Handlung beschrieben. So stimmen auch viele weitere Assoziationen zu Michels Leitmotiv mit der Handlung bzw. dem Charakter Michels überein – zum Beispiel das Fluchtmotiv.

Auf Patricias Leitmotiv reagierten »meine« Testpersonen entsprechend anders. Ihre Assoziationen zur deren Leitmotiv waren wie folgt:

Romantik, hüpfendes Mädchen auf einer grünen Wiese, eine Liebesszene, Treppen – die hinunterführen, Spaziergang, Rosaroter Panther, Hin- und Hergerissenheit, der Höhepunkt ist vorbei – etwas Neues kündigt sich an, »Laß uns etwas zusammen machen!«, »Kommt eine Frau ins Spiel?«. Sie empfanden die Musik als: etwas lebhaft, gespannter, tröpfelnd, unaufgeregt, einen verhaltenen Musikstil, beschwingt, schwebend, leicht und locker, harmonisch, schwingend und fröhlich.

Hierbei fällt auf, daß die Testpersonen stärkere Unterschiede zwischen den verschiedenen Variationen Patricias Leitmotivs machten, als dies beim Leitmotiv Michels der Fall war. So waren die Assoziationen bei manchen Varianten eher mit Liebe, Harmonie und Lebensfreude verbunden, wohingegen bei anderen Varianten die Assoziationen eher mit Spannung, Neugier und Verbrechertum beschrieben werden können. Ich bin davon überzeugt, daß auch diese Tatsache von Godard gewollt herausgearbeitet wurde. Patricia ist eine Person, die ein sehr wechselhaftes Gefühlsleben hat. In einem Moment ist sie zu Tode betrübt im anderen Moment fühlt sie sich wieder zum Himmel hoch jauchzend. Sie ist sich ihrer Gefühle unklar und möchte sie genau verstehen. Diese Charaktereigenschaften spiegeln sich zum einem im Aufbau ihres Leitmotivs wieder, zum anderen in den vielen verschiedenen Variationen, in denen ihr Leitmotiv erklingt.

Das »Testergebnis« macht deutlich, daß bereits auf der Tonebene ein Teil der Geschichte erzählt wird und diese die Geschehnisse auf der Bildebene ergänzen und bekräftigen.

Eine quantitative Auswertung der Musik

Truffaut: »Ich weiß, daß mir selbst etwas fehlen würde, da bei mir große filmische Emotionen mehr oder weniger an die Musik gebunden sind, Filmmusik behalte ich leicht, selbst wenn ich sie nur einmal gehört habe, auch Dialoge und die Art, in der einzelne Sätze gesprochen wurden. Ohne Musik würde mir in einem Film etwas fehlen.
Auf einer Liste meiner Lieblingsfilme würden sich nicht viele ohne Musik finden, da ich diese wahrscheinlich doch nicht so gern wiedersähe.«


(aus Stock, Musik & Film, a. a. O., S. 20, zitiert nach: Handbuch der Filmmusik 1, S. 67)

Untersucht man einen Film auf die Dichte seines Musikeinsatzes hin, stellt man (meist) fest, daß in den Sequenzen, in denen ein hoher Musikeinsatz vorhanden ist, auch eine hohe Konzentration der für den Film wichtigen inhaltlichen Aspekte vorliegt. Im klassischem Sinne wird der Musikeinsatz meist an dramaturgisch wichtigen Stellen zur Überhöhung der entscheidenden Sequenzen eingesetzt.

Durch die Koppelung von Schlüsselmomenten an die Musik bleiben dem Betrachter diese länger im Gedächtnis und erhalten einen höheren Stellenwert als jene, die vom Betrachter nicht mit Musik in Verbindung gebracht werden. Dieses Phänomen beruht auf der Wirkung des »affektiven Gedächtnis«, das Erinnerungen mit bestimmten Gefühlen, Stimmungen oder mit einer besonderen Musik in Verbindung setzt. Erklingt nun im Laufe des Films diese Musik an anderer Stelle, wird die Erinnerung an ihren vorherigen Einsatz spontan hervorgerufen und die vermeintliche Schlüsselsequenz wird erneut reflektiert.

Durch diesen Kunstgriff kann der Regisseur bzw. der Komponist dem Film mit Hilfe der Musik ein gegliedertes »Formskelett« verleihen. Da ich unter anderem dieses Phänomen an Godards Film Außer Atem untersuchen werde, habe ich als Hilfsmittel zwei Grafiken erstellt. Um ein detaillierteres Ergebnis zu erlangen, habe ich den Film in drei Drittel unterteilt und die Gesamtdauer der verschieden Musikeinsätze in den einzelnen Dritteln graphisch dargestellt.


Abbildung 1

Es ist augenfällig, daß Michels Leitmotiv in allen drei Dritteln einen weitaus größeren Zeitraum ausfüllt als das Leitmotiv Patricias. Meines Erachtens nach spiegelt diese Tatsache die anfänglich formulierte Hypothese wider, daß der gesamte Film die subjektive Sicht Michels auf die Geschehnisse zum Ausdruck bringt.

Ein zweiter auffälliger Aspekt ist der, daß Michels Leitmotiv im ersten und im letzten Drittel weitaus öfter beziehungsweise länger zu hören ist, als das im mittleren Drittel der Fall ist. Dies resultiert meiner Meinung nach aus den beiden Filmhöhepunkten, die sich in diesen beiden Dritteln befinden. Im ersten Drittel begeht Michel den Mord an einen Polizisten, analog dazu wird Michel im dritten Drittel selbst von einem Polizisten erschossen. Diese beiden Höhepunkte sind eng mit der Person des Michel verknüpft, so daß sein Leitmotiv in den Zeiträumen in denen die Höhepunkte geschehen, verstärkt auftritt.

Die größere Dichte und Dauer von Michels Leitmotiv im ersten Drittel läßt sich wie folgt deuten: Der Mord des Polizisten durch Michel ist der eigentliche Hintergrund für die im Film dargestellte Geschichte. Hätte Michel diesen Mord nicht begangen, hätte er eventuell zwar Patricia aufgesucht, doch die Entscheidung Patricias für oder gegen die Liebe zu Michel wäre vermutlich nicht gefallen, und vor allem wäre Michel schlußendlich nicht ermordet worden. Dies zeigt deutlich auf, daß der Mord an den Polizisten die Ursache für viele nachfolgende Geschehnisse ist und somit eine exponierte Rolle spielt. So wird klar warum Michels Leitmotiv im ersten Drittel eine noch wichtigere Rolle zugeteilt wird als im dritten Drittel, obwohl er in diesem sein Leben verwirkt. Der Mord an den Polizisten leitet quasi den Mord an Michel selbst erst ein.

Gehe ich nun von der Hypothese aus, das der Einsatz der Leitmotive meist zur Unterstützung von Michels Sicht der Dinge dient, läßt sich auch der unterschiedlich lange Einsatz von Patricias Leitmotiv in den einzelnen Dritteln erläutern. Im ersten Drittel ist die Dichte und die Dauer von Patricias Leitmotiv am höchsten. Michels ganzes Tun richtet sich nach ihr. Er fährt von Marseille nach Paris, um sie wiederzusehen und um mit ihr ein neues Leben zu beginnen. In Paris angekommen, drehen sich seine Gedanken fast ausschließlich um sie. (Erkennbar an dem Einsatz ihres Leitmotivs, obwohl sie für den Betrachter noch nicht eingeführt wurde – doch dazu später.)

Das mittlere Drittel des Films handelt von der Beziehung zwischen Michel und Patricia. Das Auftreten der beiden Leitmotive gleicht sich an. Beide Leitmotive werden im Vergleich zum ersten Drittel vermindert eingesetzt. Erst im dritten Drittel dominiert Michels Leitmotiv erneut. Der Versuch einer gemeinsamen Beziehung ist gescheitert. Michel übernimmt während des Endes des Films wieder seine alleinige Rolle als Protagonist, indem er theatralisch auf der Straße stirbt.

Anhand der Grafik läßt sich das in der Einleitung kurz dargestellte Phänomen klar erkennen. Geht man davon aus, daß in wichtigen Schlüsselszenen meist verstärkter Musikeinsatz auftritt, läßt sich bei einer groben Einteilung des Films feststellen, daß Godard der Exposition und dem Schluß des Films eine wichtigere Rolle zukommen läßt als dem mittleren Drittel und dadurch Entstehung und Lösung des Konfliktes betont.


Abbildung 2

Im Film Außer Atem treten außer den beiden Leitmotiven noch andere Musik­elemente auf, die sich durch die gesamte Dauer des Films ziehen. So werden von Godard in mehreren Szenen Schallplatten eingesetzt und Radioeinspielungen vorgenommen. In dieser Grafik setze ich nun die Leitmotive mit den Schallplatten- und den Radioeinspielungen in Bezug.

Als erstes sticht hervor, daß die Leitmotive in ihrer Gesamtheit betrachtet den größten Umfang an Musik liefern, so ist ihr Umfang fast doppelt so hoch wie der Einsatz der Schallplatten und viermal so hoch wie der des Radios. So wird auch anhand der Dauer der Leitmotive deutlich, daß der Großteil des Filminhalts von den beiden Protagonisten ausgeht. Des weiteren fällt auf, daß zwar im ersten und dritten Drittel die Leitmotive dominieren, jedoch im zweiten Drittel der Einspielung von Schallplatten eine größere Rolle zukommt als den Leitmotiven. Das zweite Drittel »dokumentiert« die Beziehung von Michel und Patricia. Schon in der ersten Grafik wurde sichtbar, daß sich die Häufigkeit der Leitmotive Michels und Patricias im zweiten Drittel angleicht. In diesem Sinne läßt sich auch die Tatsache, daß sich der Gebrauch von Schallplatten in diesem Drittel verstärkt, deuten. Ich gehe davon aus, daß Michel die Schallplatten mit Patricia in Verbindung bringt, da es unter anderem sie ist, welche die Schallplatten auflegt. Jedoch sind es keine »banalen« Musikstücke, sondern meist klassische Werke. Patricia interessiert sich für »anspruchsvolle« Musik und setzt sich mit ihr auseinander. Als sie Michel fragt, ob er nicht an Musik interessiert sei, ist sie erstaunt, wie unwichtig ihm die Musik doch zu sein scheint und erkennt erneut ihre konträren Interessen und Charaktere. Dieses Interesse für klassische Musik [wie auch für Kunst und Literatur] spiegelt sich in ihren Charaktereigenschaften wider. Sie ist eine Person, die viel über das Leben im allgemeinen und ihre persönliche Situation im besonderen reflektiert, ihre Gefühle immer wieder analysiert, zu verstehen versucht und testet.

In diesem Drittel nun unterstützt der Einsatz der Schallplatten, die ebenfalls ein Symbol für Patricia sind, den ausgeglichenen Einsatz der beiden Leitmotive während des zweiten Drittels. Ebenfalls augenfällig ist die stetig steigende Dauer der Schallplatten-Einspielungen in den Dritteln. Man kann dies mit der zunehmenden Einflußnahme Patricias auf Michel deuten.

Einen letzten Punkt, den ich hier noch ansprechen möchte, ist der, daß der Einsatz des Radios im dritten Drittel deutlich geringer ausfällt als in den ersten beiden Dritteln. Ich denke dies hängt mit der Tatsache zusammen, daß auf der Radioebene die »französisch-amerikanische Annäherung« (um in Michels Worten zu sprechen) dargestellt wird. So ist in den Radioeinspielungen zum Beispiel immer wieder die Rede von dem Besuch des amerikanischen Präsidenten in Paris.

Auch die Beziehung zwischen Michel und Patricia kann unter dem Gesichtspunkt der »französisch-amerikanischen Annäherung« betrachtet werden. Im dritten Drittel nun ist diese Annäherung endgültig zum Scheitern verurteilt. Patricia entscheidet sich gegen eine Beziehung mit Michel und bringt ihm letztendlich den Tod. In diesem Sinne sind auch die Radioeinspielungen fast vollkommen verschwunden, die »französisch-amerikanische Annäherung« ist beendet und gescheitert.

All diese Symbole, Assoziationen, Erklärungsversuche und Verstrickungen nimmt der einmalige Betrachter natürlich nicht bewußt wahr. Doch denke ich, daß sowohl Godard bewußt oder unterbewußt die meisten Dinge konzipiert hat, als auch, daß der Betrachter im Unterbewußtsein eine Vielzahl dieser Tatsachen registriert und von ihnen gelenkt und beeinflußt wird.

Die verschiedenen Funktionen der Leitmotive

Strawinsky: »Die Filmleute bedienen sich der Musik um Gefühlsregungen zu erzeugen und verwenden sie wie ein Parfum, das gewisse Erregungen hervorrufen soll.«

(Igor Strawinsky, zitiert nach: Handbuch Filmmusik 1, S. 67)

Genausowenig, wie ein Parfum nur dazu dient, Erregungen hervorzurufen, dient auch die Filmmusik nicht allein dazu, Gefühlsregungen zu erzeugen. Die Funktionen von Filmmusik sind sehr viel mehrschichtiger. So gibt es viele verschiedene Kategorisierungsversuche, von denen ich mich in meinen folgenden Ausarbeitungen auf ein bipolares Modell konzentrieren möchte.

Wie bereits in Teil 2.1 erwähnt, steht auf der einen Seite dieses Modells eine Filmmusik, die stark mit der Bildebene verknüpft ist und als illustrierend, paraphrasierend und expressiv beschrieben werden kann. Diese Musik wird oft als »Innerlichkeit« der dargestellten Personen empfunden und meist nicht bewußt wahrgenommen. Auf der anderen Seite des Modells steht eine Filmmusik, die als eigene Schicht vom Betrachter bewußt wahrgenommen wird. Sie kann durch die Begriffe kontrapunktierend und kommentierend charakterisiert werden.

Godard verwendet in seinem Film Außer Atem nicht nur eine der beiden Seiten des Modells, sondern kombiniert beide Tendenzen der Filmmusik miteinander. Die Leitmotive hingegen benutzt er in vielen Fällen als in die Handlung integriertes Element, verfällt jedoch nicht in das Extrem, die Bilder durch die Musik nur zu illustrieren.

Ich werde nun an einigen ausgewählten Beispielen die Funktionen der Leitmotive in dem Film Außer Atem erläutern. So möchte ich mit der Titelmusik beginnen. Ihr bringt der Zuschauer höchste Aufmerksamkeit entgegen, da sie (meist) in irgendeiner Form Bezug auf die folgende Szene oder den gesamten Film nimmt.

Gleich zu Beginn des Films, während der Titeleinblendung, ertönt das erstemal das Leitmotiv Michels. Die Einspielung des Leitmotivs Michels dauert zwar nur einige Sekunden an, doch prägt es sich durch seine herausgestellte Funktion als Titelmusik bereits zu Beginn des Films bei dem Betrachter ein. Godards Wahl, Michels Leitmotiv als Titelmusik einzusetzen, hebt die herausstechende Rolle Michels Person für den Film hervor.

Durch die bescheidene Instrumentierung der Titelmusik wird der Zuschauer wie ein Musikinstrument »gestimmt« und auf die bevorstehende Atmosphäre des Films behutsam eingestimmt.

In der nächsten Sequenz, in der Michels Leitmotiv zu hören ist, befindet sich Michel singend auf der Autofahrt von Marseille nach Paris. Er beginnt sein Leitmotiv zu summen und plötzlich und unbemerkt wird sein Leitmotiv als Filmmusik übernommen. Es entsteht für den Betrachter der Eindruck, als sei die Musik im Film immer vorhanden und für die Darsteller jederzeit hörbar. Der Zuschauer ist irritiert, kann er doch nun Filmrealität und äußere Realität nicht mehr unterscheiden. Seine Irritation wird noch intensiviert, wenn sich Michel kurz darauf persönlich an den Betrachter wendet. Es ist für den Betrachter gegenwärtig unklar, ob es sich in dem Film um Dokumentation oder Fiktion handelt.

Nach einigen nachfolgenden Einstellungen treibt Godard dieses Verwirrspiel noch weiter auf die Spitze, wenn nun Michels Leitmotiv im Radio erklingt und somit auch für Michel hörbar als »seine« Filmmusik eingeführt wird. Im Laufe der anknüpfenden Verfolgungsjagd Michels durch die »weißen Mäuse« wird sein Leitmotiv immer rastloser. Das Leitmotiv spiegelt die Gefahr der Situation wider und baut durch seinen musikalischen Charakter Ungeduld bei dem Betrachter auf. Unerwartet reißt das Leitmotiv ab. Die Intensität des Musikstückes wird weder von anderer Musik noch von fesselnden Bildern auf der Bildebene übernommen (lediglich Michel ist zu sehen, wie er versucht, sein stehengebliebenes Auto zu reparieren) und setzt sich in eine intensive Erwartungshaltung und Spannung beim Betrachter um. Gleichzeitig ist der Zuschauer von der Irrealität der Begebenheiten verwirrt, da er auf Grund seiner Alltagserfahrungen Bild und Bewegung immer mit Geräuschen beziehungsweise im Film mit Musik verbindet, und die Szenerie ihm nun unrealistisch erscheint. Des weiteren entsteht der Eindruck, daß Michel selbst den Mord nicht als real geschehen wahrnimmt.

Erneut wird der Betrachter vom Film distanziert und ertappt sich selbst dabei, sich zuvor der verführerischen Wirkung des Films hingegeben zu haben. Godard setzt dieses Moment bewußt ein, um das Künstlerische, Fiktive und Inszenierte des Films zu betonen und die Rolle des Betrachters als Voyeur hervorzuheben.

Sowohl in der gerade geschilderten Szenerie als auch zu späteren Zeitpunkten des Films (zum Beispiel während der Sequenzen in Patricias Appartement) scheint die Musik unbemerkt aus dem Nichts zu kommen und wieder unverhofft ins Nichts zu entrücken. Godard setzt dieses Stilmittel bewußt ein, um zu verhindern, daß seine Filmmusik den Charakter einer reinen Untermalungsmusik erhält. So äußert sich unter anderem Majewski über auffallende »Abbruchstellen« in der Musik wie folgt:

Majewski: »… Vom schubweisen Einsatz der Musik, dem Aufstacheln, Hineinpieken, geht eine stärkere Wirkung aus, wie wenn sie immer dabei bleibt.« (Hans-Martin Majewski in einer Sendung des RIAS Berlin, 17. 3. 1985, zitiert nach: Schneider, 1990:132)

In der Sequenz »Patricia beim Zeitungsverkauf« (9. Minute) wird Patricias Motiv zum erstenmal vom Betrachter bewußt mit ihrer Person in Verbindung gebracht. Michel befindet sich gerade auf der Suche nach ihr, als sie von einer Seitenstraße in die Champs Elysées einbiegt. Ihre Einführung in den Film wirkt wie ein Bühnenauftritt, der durch ihr Leitmotiv unterstützt wird, das in dieser Sequenz einen ouvertürenartigen Charakter besitzt. Die Kamera übernimmt die Perspektive Michels auf Patricia und begleitet mit einem Schwenk ihre Bewegung. Folglich scheint auch die Musik, die sofort beim Auftritt Patricias erschallt, aus Michels Phantasie zu entspringen, der Betrachter erlebt Patricia aus den subjektiven Augen Michels. Dementsprechend scheint auch Michel Patricias Leitmotiv bewußt in dieser Version zu hören, da in diesem Moment Patricia in seinem Leben erscheint und nun der Auftakt zu seinen weiteren Plänen mit Patricia gegeben ist – »sein« eigentlicher Film kann beginnen. Während Patricias Leitmotiv immer spielerischer und verschnörkelter wird, schlendern die beiden gemeinsam die Champs entlang.

Erst als Michel äußert, daß er keine Zeit mehr habe und gehen müsse, bricht ihr Motiv jäh ab. Michel, mit seinen Gedanken bereits in naher Zukunft, schenkt Patricia nicht mehr seine völlige Aufmerksamkeit, so daß auch die von ihm gedacht scheinende Musik abrupt abschließt. An dieser Sequenz wird deutlich, wie Godard die Leitmotive eher im Sinne einer handlungsintegrierten und untermalenden Musik anwendet.

In der anknüpfenden Sequenz hingegen setzt Godard Michels Leitmotiv im Sinne einer Bildeinstimmung ein. Während Michel Patricia gemächlich verläßt, ertönt sein Leitmotiv in einer ungewöhnlich rastlosen Version. Für den Betrachter ist auf Grund der Bildebene nicht ersichtlich, wieso in dieser Situation Michels Leitmotiv so ruhelos erklingt – noch nicht! Denn schon in der nachfolgenden Einstellung wird diese Irritation aufgehoben. Ein Filmplakat mit den Titel: »Vivre dangereusement jusqu’au bout!« (»Lebe gefährlich bis zum Ende!«) erscheint im Blickfeld als Sinnbild von Michels Lebensmotto und begründet damit den Charakter des vorherigen Leitmotivs, das somit als Kommentar zum Filmplakat gewertet werden kann.

Fast als zusätzliche und ironische Bekräftigung wirkt der tödliche Autounfall, der sich anschließt. Doch auch hier wirkt die Tongebung auf den Betrachter verwirrend und irreal. Bevor der eigentliche Verkehrsunfall auf der Bildebene sichtbar wird, hat er sich auf der Tonebene bereits zugetragen. Durch die nicht synchrone und zu vordergründige Tongebung wirkt das ganze Geschehen grotesk und überzogen.

Das folgende Leitmotiv (12. Minute) wird von dem Betrachter als Michels Innerlichkeit empfunden und dient ihm als Auskunft über seine derzeitige Stimmung und seine Gefühlswelt. Für den Zuschauer besteht zwischen dem Ausdruck eines bestimmten Gefühls und der Musik eine große Identifikation, so daß die Musik nicht als Symbol für ein Gefühl angesehen, sondern als das Gefühl selbst aufgefaßt wird. Das Motiv hat einen bedächtigen Charakter und bringt dadurch Michels Teilnahmslosigkeit und Abgebrühtheit zum Ausdruck. Im Laufe des Films verwendet Godard Michels Leitmotiv immer wieder, um Michels Gefühlswelt für den Betrachter offenzulegen und verständlich zu machen.

Erstaunlich jedoch ist, daß Patricias Motiv von Godard in dem gerade erläuterten Sinne (fast) nie verwendet wird. Im Laufe des Films tritt Patricias Leitmotiv zwar in mehreren verschiedenen Modifikationen auf, doch kann es in diesen Szenen nicht mit ihrer Gefühlswelt in Verbindung gebracht werden beziehungsweise lassen sich, auf Grund des Charakters ihres Leitmotivs, keine Rückschlüsse auf ihre Psyche ziehen. Es entsteht dadurch der Anschein, als sei Patricias Innenleben für die Handlung, im übertragenden Sinne für Michel als Person, nur zweitrangig.

So kommt es häufig vor, daß auf der Tonebene zwar Patricias Leitmotiv erklingt, auf der Bildebene jedoch Michel zu sehen ist. Ich möchte das anhand der Szene in der 56. Minute veranschaulichen, in der Godard die Leitmotive erneut so anwendet, daß sie den dargestellten Inhalt ausdrücken, jedoch nicht nur den Bildvorgang illustrieren.

Man sieht Patricias Gesicht mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck in einer Nahaufnahme während des Interviews mit Parvulesco. Sie denkt über den Ausspruchs Parvulescos: »Nach Unsterblichkeit, unsterblich werden und dann sterben«, nach. Sie bringt diesen Ausspruch mit Michel in Verbindung, da auf der Tonebene nun Michels Motiv in einer gedankenvoll wirkenden Version zu hören ist – der einzige Moment im gesamten Film, in dem mit Hilfe der Musik Patricias Innenwelt ausgedrückt wird – und eine Überblendung auf ihn stattfindet. Michel befindet sich auf der Fahrt zu einem Schrottplatz, bei dem er sich den Verkauf seines Autos erhofft, um genügend Geld für die »Flucht« mit Patricia nach Rom zu erhalten.

Er ist mit seinen Gedanken bei Patricia, er plant in beschwingter Vorfreude ihre gemeinsame »Flucht« nach Rom. In dieser Situation sieht er Patricia mit anderen Augen. Es ist für ihn unverkennbar, daß Patricia ihn, quasi als »Gangsterbraut«, nach Rom begleiten wird. Er sieht sie diesem Moment nicht mehr als das verträumte, nachdenkliche und naive Mädchen an, als das er sie zuvor sah. In dieser Szene empfindet Michel sich und Patricia als zusammengehörig. Jene Tatsache spiegelt sich auch hier in der Musik wider. Diese Szene ist im gesamten Film der einzige Moment, in der Patricias Leitmotiv mit den für Michel typischen Instrumenten gespielt wird und ihr Leitmotiv in einer für ihre Musik bis dahin untypischen jazzigen und zackigen Version erklingt. In den anschließenden zwanzig Minuten des Films tritt ihr typisches Motiv nicht mehr auf. Es scheint, als habe sich Michels Bild von Patricia gewandelt, so daß auch ihr »altes« Motiv nicht mehr erklingt. Erst am Ende des Films, als Michel erkennen muß, daß Patricia sich gegen ihn entschieden hat, wird ihr typisches Motiv wieder eingeführt. Michel sieht in ihr erneut wieder nur das kleine verängstige Mädchen.

Ein weiterer Aspekt der Leitmotive ist deren Aufgabe, Geräusche und Bewegung zu stilisieren und ein Raumgefühl herzustellen. So wird in der Szene, in der Michel auf der Flucht vor der Polizei durch eine Unterführung geht (16. Minute), die Musik verwendet, um seine Schritte auf den Treppenstufen zu veranschaulichen. Doch auch in dieser Funktion der Musik fällt auf, daß nur Michels Leitmotiv in diesem Sinne benutzt wird. Im gesamten Film gibt es keine Stelle, an der Godard Patricias Leitmotiv einsetzt, um ein konkretes auf der Bildebene sichtbares Geräusch zu illustrieren.

Zum Schluß meiner Ausführungen über den Einsatz der Leitmotive möchte ich noch eine Aufgabe der Leitmotive ansprechen, die mir von Godard als besonders gelungen eingesetzt erscheint. Zum Ende der Subsequenz »In Patricias Zimmer, erst Michel im Bett, später auch Patricia« hin bittet Michel Patricia, ihn anzulächeln. Patricia jedoch verweigert ihm ein Lächeln von ihr. Nun droht Michel, Patricia zu erwürgen, wenn sie nicht »bis Acht« lächle und legt seine Hände um ihren Hals, während er zu zählen beginnt. Indessen beginnt sehr leise, behutsam und fast unbemerkt Michels Leitmotiv einzusetzen. Im Angesicht der für Patricia immer größer werdenden »Gefahr« wird die Lautstärke der Musik höher, so daß die Musik zwar noch leise, nun aber deutlich zu hören ist. Im selben Moment, in dem Patricia zu lächeln beginnt, schließt Michels Leitmotiv mit einem kurzen Lauf ab. In dieser Szene wird Michels Leitmotiv sehr ausdrucksstark verwendet. Da das Leitmotiv im gleichen Moment wie der intensive Blickkontakt Michels und Patricias einsetzt, scheint es die Intensität der Spannung zwischen den beiden zu verstärken. Der Zuschauer erhält somit das Gefühl, das auf der Bildebene Gesehene unmittelbar zu fühlen.

So läßt sich zusammenfassend sagen, daß Godard den Leitmotiven in Außer Atem viele der klassischen Funktionen zukommen läßt. Er setzt sie vordergründig ein, um die Innenwelt der Protagonisten darzulegen, Atmosphäre herzustellen, Ausrufezeichen zu setzen, Geräusche zu stilisieren und Personen zu dimensionieren. Des weiteren verwendet er sie jedoch auch, um dem Betrachter immer wieder klar vor Augen zu führen, daß alles nur Inszenierung ist und um dem Film zu kommentieren, um ihm seine eigene Handschrift zu verleihen. Demgemäß ganz im Sinne des Autorenkinos.

Betrachte ich die vorangehenden Ausführungen, komme ich zu dem Schluß, daß sich meine zu Beginn des Kapitels formulierte Hypothese über den Einsatz der Leitmotive befürwortet.

Besonders in den ersten Minuten des Film entsteht die Impression, als würde Michel sein auf der Bildebene dargestelltes Leben selbst als eine Art Film empfinden. So setzt Godard während der Autofahrt Michels Leitmotiv so geschickt ein, daß der aufmerksame Betrachter den Eindruck erhält, als ob Michel selbst seine Filmmusik auswählt und Godard diesen Vorschlag Michels dankbar aufnimmt und fortführt. Dieser erste Eindruck verstärkt sich im Laufe des Films durch Godards gekonnten Einsatz der Leitmotive immer mehr. So gibt es im Film etliche Momente, in denen Michels Gestalt auf der Bildebene und die Leitmotive auf der Tonebene im selben Augenblick beginnen und enden, so daß sie vom Betrachter automatisch in Verbindung gesetzt werden. Des weiteren übernimmt die Kamera oft die Perspektive Michels, und unter gleichzeitigem Einsatz der Leitmotive werden diese als Innerlichkeit Michels empfunden. Der Zuschauer fühlt sich in seiner Annahme bestätigt, daß Michel selbst die Filmmusik, obwohl für ihn eigentlich unhörbar, in sich trägt. Durch diesen Einsatz der Leitmotive erscheint der gesamte Film aus der subjektiven Perspektive Michels gedreht zu sein und seine Gedanken, Gefühle und Ansichten hervorzuheben.

Für Godard scheint die Person des Michel in seinen Film eine entscheidendere Rolle zu spielen, als die Patricias, deren Innenwelt der Zuschauer, abgesehen von einer einmaligen und sehr kurzen Sequenz, nie zu »hören« bekommt, so daß sie in den Hintergrund gerät.

So läßt sich also abschließend formulieren, daß Godard die Leitmotive und insbesondere Michels Leitmotiv bewußt einsetzt, um die Person des Michel überzeugender zu dimensionieren und um Michels dargestellten Lebensausschnitt, von ihm selbst oft als irreal empfunden, in einer Art Film im Film zu betonen.

2.3 Analyse einer ausgewählten Szene

Sabina Ihrig

Die nun unter den Gesichtspunkt des Leitmotiveinsatzes analysierte Sequenz ist in unserer Grafik mit den Namen »1. Zeitung kaufen« betitelt und ist im Film von 5:07 Minuten bis zu 5:30 Minuten angelegt. In der vorherigen Sequenz sah man Michel kurz nach dem Polizistenmord über ein Feld flüchten. Es schließt sich eine schwarze Überblendung an, welche in die nun relevante Sequenz überleitet. Auf der Tonebene wird bereits während der Überblendung die zur darauffolgenden Sequenz gehörige Musik eingespielt und ruft beim Betrachter frühzeitig Assoziationen über die zur Musik passenden Bilder hervor.

Godard verhindert mit Hilfe dieser Synkope einen harten Schnitt von Bild und Ton und schafft dadurch einen weichen Übergang, der den gemächlichen Charakter der Musik unterstreicht. Des weiteren greift er durch das frühzeitige Einspielen der Musik auf die nächste Sequenz vor. Bereits diese wenigen Töne lassen den Charakter des Musikstückes erkennen, das sich für den mehrmaligen Betrachter nach einigen Sekunden als Patricias Leitmotiv in einer Chanson-ähnlichen Version erkennen läßt, welche auch beim einmaligen Betrachter sofortige Assoziationen mit Frankreich und insbesondere mit Paris erzeugt.

Video Still: Eine Straße in Paris
Abbildung 3

Der einmalige Betrachter kann jedoch das Leitmotiv Patricias hier noch nicht ihrer Person zuordnen, da ihr Charakter augenblicklich noch nicht in den Film eingeführt wurde. So muß er davon ausgehen, das die zu hörende Musik in engen Zusammenhang mit den zusehenden Bildern steht und empfindet Patricias Leitmotiv als reale Musik zu Paris. Auf der Bildebene ist nun eine Stadt am Tage zu sehen, die sich nach einigen Sekunden als Paris identifizieren lassen kann. Die Kamera nimmt die Perspektive eines auf der Straße fahrenden Autos ein, und filmt während der andauernden Fahrt aus einem der linken Autofenster (vgl. Abbildung 3).

Nach 10 Sekunden geht Patricias Leitmotiv in Michels Leitmotiv über. Unterdessen hat auf der Bildebene noch kein Bildwechsel stattgefunden, und es sind immer noch aus einem fahrendem Auto gefilmte Bilder von Paris zu sehen. Nach 2 Sekunden fährt nun auf der Bildebene Michel in einem Taxi vor (vgl. Abbildung 4).

Video Still: Michel Poiccard schaut aus einem Autofenster
Abbildung 4

Erneut hat Godard mit dem bewußten Musikeinsatz die folgenden Bilder eingeleitet. Nun stellt sich die Frage, warum diese Vorgriffe auf die nächste Szene im Film immerzu wiederkehren.

Ich bin der Ansicht, daß Godard damit beabsichtigte, dem Betrachter mehr Distanz zum Film zu verleihen. Durch diese Technik ist der aufmerksame Zuschauer meist über den formellen Verlauf des Films informiert, er kann sich bereits im vorhinein auf die kommenden Szenen einstimmen. Dadurch verhindert Godard ein völliges Aufgehen des Betrachters im Film, der nun nicht mehr mitfiebern muß, was gleich geschehen könnte, sondern die kommenden Ereignisse erahnt, und bei der Betrachtung dieser nicht durch unnötige Erregung abgelenkt wird. Der Zuschauer erhält somit die Gelegenheit, kritisch mitzudenken und die Geschehnisse aus einer gewissen Distanz nüchtern zu betrachten (im Sinne des Brecht’schen epischen Theaters).

Auch in dieser Sequenz ist der Betrachter nicht mehr überrascht, als Michel auf der Bildebene erscheint. Durch Michels Erscheinen in einem Taxi scheint sich auch die vorherige Kamerafahrt durch Paris zu erklären. Für den achtsamen Zuschauer läßt sich feststellen, daß Michel im Taxi auf der Rückbank hinter dem Fahrer sitzt und sich somit auf der linken Seite des Wagens befindet. Er nimmt also die gleiche Position im Taxi ein, wie zuvor die Kamera im fahrenden Auto während der Parisfahrt. Demzufolge wird impliziert, daß die Perspektive der Kamera die Perspektive Michels auf Paris gewesen ist. Auf Grund dieser Feststellung wird gegenwärtig das Leitmotiv Patricias synchron zu den gezeigten Bildern von Paris neu definiert. Das Leitmotiv Patricias scheint nun die Musik zu sein, die Michel empfindet, wenn er durch Paris fährt. Für den mehrfachen Betrachter des Films wird deutlich, daß Michel Paris unweigerlich mit Patricia in Verbindung setzt. Es wird quasi fühlbar, daß Michels Gedanken sich nur um Patricia kreisen, und sie den einzigen Grund für sein Erscheinen in Paris darstellt.

Nachdem Michel soeben im Taxi vorgefahren ist, verläßt er dieses, um in einer Telefonzelle zu telefonieren (vgl. Abbildung 5).

Video Still: Michel Poiccard in einer Telefonzelle
Abbildung 5

In diesem Moment wechselt das Leitmotiv Michels in das Leitmotiv Patricias über. Der Betrachter bekommt dadurch auf der Tonebene die Erläuterung für die zu sehenden Bilder. Der einmalige Betrachter kann wie bereits erwähnt das Leitmotiv Patricias auch an dieser Stelle noch nicht ihrer Person zuordnen. Er hört nun zum zweiten mal die Musik, die Michel »empfand«, als er durch die Straßen von Paris fuhr. Es wird deutlich, daß diese Musik jedoch in einem engen Zusammenhang mit der Person des Michel steht, da die beiden Themen gewissermaßen ein Duett miteinander eingehen. Ich bin davon überzeugt, daß auch beim einmaligen Zuschauen des Films nun bereits Assoziationen beim Leitmotiv Patricias aufkommen, die sich an einer Person orientieren und nicht mehr an die Stadt Paris geknüpft sind. Des weiteren kann der Zuschauer eine Verbindung zwischen Paris und der Person ausmachen, die Michel vergebens versucht, telefonisch zu erreichen.

Für den mehrfachen Betrachter gibt Patricias Leitmotiv Aufschluß über den Adressaten von Michels Telefonversuch. So kann er nun »erhören«, daß Michel versucht, mit Patricia Kontakt aufzunehmen. Da die vorherige Subsequenz Michel auf der Flucht vor der Polizei gezeigt hat, kann man davon ausgehen, daß Michel sich auf dem direkten Weg nach Paris begeben hat und dort angekommen sogleich Patricia aufsuchen möchte. In diesem Moment greift Godard anhand der Leitmotive erklärend in den Film ein. Der Ton erhält demzufolge ein von der Bildebene unabhängiges Element, da er nicht direkt aus ihr hervorgeht und somit eine zusätzliche Schicht bildet. Godard versucht dadurch beim Betrachter mehrere Sinne anzusprechen und ihn nicht nur in der Handlung »gefangen« zu halten, sondern ihn zum aktiven Mitdenken anzuregen. Nachdem Michels Versuch, Patricia zu kontaktieren, erfolglos blieb, verläßt er verärgert die Telefonzelle, um sich eine Zeitung zu kaufen (vgl. Abbildung 6).

Während Michel die Telefonzelle verläßt, wechselt auf der Tonebene erneut Patricias Leitmotiv für 2 Sekunden in Michels Leitmotiv über, bevor es dann abbricht und keine andere Musik ertönt. Ich denke, dies resultiert aus der Tatsache, daß Michel mit seinen Gedanken wieder bei seinem begangenen Verbrechen ist und nicht mehr bei Patricia. Er ist mit der Frage beschäftigt, ob die Polizei seine Identität bereits ermittelt hat und nach ihm schon per Zeitung fahndet. Somit wechselt auch die Musik, die in diesem Moment Michels Innenwelt dokumentiert, von Patricias Leitmotiv zu Michels Leitmotiv.

Video Still: Michel Poiccard mit einer Zeitung in der Hand
Abbildung 6

Betrachtet man den Film nun weiter, schließt sich eine Szene an, in der Michel das Appartement Patricias aufsucht und dort, sie nicht antreffend, nach Geld sucht.

Im Nachhinein stellt sich daraufhin also für den mehrmaligen Betrachter Patricias Leitmotiv während der Einstellungen in der Telefonzelle nicht nur als Symbol für (beziehungsweise als tatsächliche) die Innenwelt Michels heraus, sondern gleichzeitig als wiederholter Vorgriff Godards auf die kommende Subsequenz. Erneut erhält der Film dadurch seine Mehrschichtigkeit. So kann man also zusammenfassend sagen, daß an dieser kurzen Subsequenz deutlich wird, wie gekonnt und bewußt Godard die Leitmotive einsetzt, um zwar verschiedene Funktionen zu erfüllen, im großen und ganzen jedoch, um dem Betrachter Michels Person verständlich zu machen.

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