0.1 Einleitung

Steffen Lepa

Godard: »Wenn du nicht existieren würdest und wenn man jemandem sagen müßte, wie sie war, dieses kleine Mädchen, wenn du tot wärst und man sagen müßte, wie du warst, wäre es besser, sich eines Bildes oder eines Tones zu bedienen? Oder mehrerer Bilder und mehrerer Töne? Oder vielleicht von beiden ein bißchen?«

Camille: »Töne.«


aus einer 12tlg. Fernsehserie Godards von 1978, zit. nach: Filmkritik, 1980, Heft 3, S. 134

Das vergangene Jahrhundert, in welchem sich nicht nur die industrielle Revolution vollendete und den »zivilisierten« Menschen endgültig von seiner Bindung an die Natur entwurzelte, sondern auch mit potenzierter Geschwindigkeit die digitale Evolution begann, stand nicht nur im Zeichen eines Wiedererstarkens der »oralen« Zeichen-Setzung von und für die Massen (Man denke nur an die Alltags-Dominanz von Jazz, Sci-Fi, Rock’n’Roll, Punk und Techno als Zeichen- und Wertsysteme), sondern in Abgrenzung zur dekadent vergeistigten klassischen E-Musik (dem Ideal eines Adorno) vor allem unter dem Stern des akustischen Fragments »Sample«, dem »Abfallprodukt« Geräusch selbst als Musik- bzw. Kunstform, als Objekt der inzwischen auch körperlichen Rezeption und künstlerischen Reflexion, beginnend mit den Futuristen um George Antheil über Dada, Free Jazz, Minimal Music, Fluxus, Psychedelic Rock, Latin, Afro-Futurismus, Funk, Disco, Hip Hop, House und Techno bis hin zur neuesten Kulmination Drum & Bass. Spätestens seit die aus den Radio-Jingles, TV-Trailern und der DJ-Kultur entstammende Sampling-Technik zu Anfang der 90er digital vervollkommnet wurde, wirkt heutzutage jedes multimediale Produkt ohne sorgfältig angefertigte Klangebene trocken und flächig, ja geradezu anachronistisch. Weit davon entfernt, lediglich untermalendes Beiwerk im Sinne einer Dia-Vorführung zu sein, eröffnet die tonale Ebene einer Präsentation überhaupt erst das Tor zum Eindringen in eine künstliche Realität, in dem sie durch Geräusche, Klänge und Musik Vorstellungs-Räume im Kopf erschafft bzw. stabilisiert. Das Ganze (also eine kinästhetische Vorstellung im Kopf) ist schließlich mehr als die Summe seiner Teile (Sinne), und die von der Audio-Ebene stimulierten Sinne (Hören und Tasten) sind schlichtweg optimal geeignet, die (in Wirklichkeit natürlich nicht vorhandene) 3. Dimension im Geist zu evozieren, zumal der mit Fernsehen, Computer und Kino stark mit visuellen Klischees sozialisierte digitale Weltbürger von heute Schwierigkeiten hat, selbst bei emotional aufgeheizten, voyeuristischen und dynamischen Bildern noch eine Spur Authentizität zu empfinden. Diese Entwicklung scheint sich im akustischen Bereich jedoch weniger oder auch nur sehr langsam zu vollziehen, so daß es in heutigen Film-Produktionen immer wichtiger wird, den Zuschauer vor allem durch authentischen Klang und mitreißende Musik in andere Welten zu entführen, was sich nicht zuletzt an den rapide gestiegenen Kosten und Aufwand der deutschen Synchronisationsfassungen ablesen läßt.

Doch auch schon Mitte des 20. Jahrhunderts schickten sich Filmemacher der Avantgarde an, die auditive Ebene in Ihr innovatives Schaffen mit einzubeziehen, um damit neue Rezeptionswirkungen für Ihre Werke zu erzielen. So auch Jean-Luc Godard, der mit Außer Atem 1959 die innovative Epoche der »Neuen Welle« (frz.: »Nouvelle Vague«) im französischen Kino einläutete. Bis dato konnte man in der Klangdramaturgie des Kinofilms vor allem zwei Strategien sich abzeichnen sehen: Auf der einen Seite die hochartifizielle, vor allem paraphrasierende Filmmusik des klassischen Hollywood-Kinos, auf der anderen Seite die halbdokumentarische aber in der Rezeption anstrengende Tonarbeit der Autorenfilmer (vgl. Schneider, 1990).

Godard, der als ehemaliger Filmkritiker gemeinsam mit Truffaut mit dem Anspruch angetreten war, das herkömmliche Filmschaffen zu revolutionieren und ein intelligentes, intensives, philosophisches, sozial-kritisches und politisches Kino für die Massen zu schaffen, ohne in Banalität und Gleichförmigkeit zu verfallen, lag natürlich viel daran, dies auch auf akustischer Ebene zu vollziehen. Daher ist »A bout de souffle« (frz. Original-Titel) ein ideales Forschungsobjekt um nachzuvollziehen, inwieweit Ansprüche an ein »ganzheitliches« Kunstwerk mit den damals vorliegenden, für heutige Verhältnisse vergleichsweise einfachen Mitteln, realisiert wurden. Dabei könnte die Erkenntnis gewonnen werden, daß es auch heutzutage nicht unbedingt hoher Produktionskosten und technischen Aufwands bedarf, um auf klanglicher Ebene des Filmes überzeugende und mitreißende bzw. einbeziehende Effekte zu erzielen.

0.2 Zusammenfassung

Steffen Lepa

Anhand von Außer Atem (F 1959) soll in dieser Arbeit gezeigt werden, wie Godard als typischer Regisseur der Nouvelle Vague Geräusch- und Musikdramaturgie zur Unterstützung seiner filmischen Argumentation verwendet hat.

Zum besseren Verständnis finden sich hier darum zunächst eine Passage zum Verständnis der Historie und innovativen Ansprüche der Nouvelle Vague sowie ein Abschnitt zum Leben und filmischen Schaffens Jean-Luc Godards.

Eine anschließende kurze Zusammenfassung der Handlung des Films selbst rundet das einleitende Kapitel ab, das vor allem die Hintergründe für das kontemporäre Moment des immerhin bereits über 40 Jahre alten Werkes und das Verständnis der analytischen Betrachtungsweise liefern soll.

Die Analyse der deutschen Synchronfassung wurde danach formal in 2 Teile gegliedert: Zunächst finden wir eine Betrachtung und Untersuchung der musikalischen Ebene, erst danach wenden wir uns Atmo, Klang und Geräuschen zu. Dies geschah vor allem aus methodischen Überlegungen: Um der zahlreichen Sinneseindrücke zur Analyse gewissermaßen habhaft zu werden, die bei der Rezeption natürlich aus allen Schichten des Films auf allen Sinneskanälen gleichzeitig wahrgenommen werden und so Realität erzeugen, trennen wir die Erfahrung hier in Einzelteile auf, so wie sich in der Produktion auch verschiedene Personen für die verschieden Ebenen des Tons und Bildes (natürlich unter Leitung des Regisseurs) verantwortlich zeigen.

Im abschließenden Fazit möchten wir jedoch wieder auf den Gesamteindruck und das Gesamtwerk zurückkommen, um zu prüfen, ob vielleicht sogar die verschiedenen Strategien und Anwendungsarten von Musik, Geräusch und Handlung in der Rezeptionserfahrung konvergieren, was Anlaß zur Bestätigung der in der Einleitung erwähnten Prognose der Entwicklung zur Geräusch-Musik auch im Bereich der Filmmusik geben könnte, und wir versuchen die Frage zu beantworten, inwieweit gesetzte theoretische Ansprüche Godards und der Nouvelle Vague auf der klanglichen und musikalischen Ebene des Films erfüllt wurden.

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